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Ruhe, Kapital! – Warum ein Ort mehr ist als deine Ferienwohnung

by Carsten Bornhöft

Travemünde stirbt nicht an Touristen – sondern an Besitzansprüchen.
Ein Essay über Ferienwohnungen, falsche Verluste und das schleichende Ende eines lebendigen Ortes.
Zwischen Erinnerung, Wut und der leisen Frage: Wem gehört ein Ort wirklich?

Vom „linksversifften Journalisten“ zum „rechtsradikalen Heimatwächter“ – der Weg ist heute oft nur ein einziger Facebook-Kommentar lang. Wer es wagt, den Ausverkauf kultureller Identität zu kritisieren, landet schnell in einem dieser Schubladen, die so eng sind, dass man kaum noch atmen kann. So geschehen, als ich mich gegen eine Praxis stellte, die leise, aber unaufhaltsam Orte entkernt: die Kolonialisierung durch Kapital – als Ferienimmobilie getarnt.

Es geht nicht um Tourismus. Es geht um Besitzdenken. Um Anspruchshaltung. Um die Idee, dass man mit dem Schlüssel zur Ferienwohnung auch gleich den Anspruch auf Ruhe nach eigenem Maßstab erworben hat. Veranstaltungen? Zu lautstark. Zu fröhlich. Zu intensiv. Kinder? Zu lebendig. Kultur? Zu viel. Die Forderung nach „Ruhe“ klingt dabei wie eine höflich verpackte Enteignung dessen, was einen Ort lebendig macht.

Ich bin hier aufgewachsen. Meine Wurzeln reichen in den norddeutschen Sand. Wir hatten Bräuche, Rituale, die keiner „Events“ nannte. Wir hatten Zusammenhalt – oft organisiert von jenen, die nicht auf der Sonnenseite des Eigentums saßen. Heute aber sterben diese Strukturen aus. Und mit ihnen die Seele des Ortes.

Ich erinnere mich noch: In den kleinen Bushäuschen standen unsere Parolen, erste Graffiti, notdürftig gesprüht, eher Rufe als Kunst. Die Telefonzellen waren unsere Pinnwände, die Wände unsere Flächen – ein stilles SOS an eine Welt, die uns nicht hörte, aber bitte wenigstens sehen sollte.

Wir schwitzten in den alten Schulgebäuden und trafen uns trotzdem nachmittags in den Parks, zusammengerottet wie junge Möwen am Kai. Laut, lebendig, gelegentlich über die Stränge schlagend – aber immer mit dem Gefühl, dass das hier unser Ort war. Unsere Stimmen, unser Lachen, unser Sommer.
Nicht käuflich, nicht verplant – einfach gelebt.

Und manchmal ist es das noch. Vereinzelte Momente, irgendwo zwischen Strandkorb und Backstein – wie vor 45 Jahren, wenn auch seltener, stiller, leiser.

Nur der Winter kennt noch die alte Ruhe. Dann, wenn die Touristen abgereist sind, die Besitzer ihre Apartments verriegeln und sich daran machen, ihre Verluste steuerlich geltend zu machen – Verluste, die sie de facto nie hatten. Denn im Sommer hat es geboomt, die Promenade war voll, die Travemünder Woche ein „Millionenpublikum“, wie es heißt.

Zwischen Josephine und Dosenbier – eine Kultur kippt um

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Großmutter einst Roy Black sehen wollte. Sie kam nicht einmal bis zur Bühne – so voll war es damals. Die Promenade ein einziger Strom aus Menschen, Erwartung, Sommerduft.
Josephine Baker war da.
Man sprach von der Belle Époque mit einem Lächeln im Gesicht, nicht mit einem Roll-up vorm Souvenirstand.

Heute tauschen fremde Immobilienbesitzer dieses kulturelle Erbe ein – gegen „United Four“, dann „Three“, dann „Two“, und schließlich steht da Mazze Glazze, allein, mit Beatmaschine und LED-Weste, als musikalisches Endlager. Der Top-Act einer Epoche, in der „Unterhaltung“ bedeutet, dass man den Bierbecher im Takt heben kann.

Früher war das anders. Und ja – es war besser.
Heute ist es Plastik. Aufgeblasen, austauschbar, lieblos. Und das ganze Elend wird garniert von einem Kulturverantwortlichen, der mit dem Beutel voller Zwei-Euro-Stücke bei der befreundeten Cateringbude vorstellig wird – als sei das der große Wurf, nicht das vorgezogene Trinkgeld für das nächste Jahrzehnt geistiger Insolvenz.

Jazz aus der Tuba? Kultur im Kostüm.

Man spricht von „Jazz-Highlights“. Die Realität: Eine Blaskapelle im Maritim, deren größtes Improvisationstalent darin besteht, den Takt nicht zu verlieren.
Da wird geblasen, gestampft, geschwitzt – und am Ende nennt man das Jazz, weil niemand den Mut hat, es Blasmusik zu nennen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gönne den Herren ihren Auftritt. Sie spielen sich den Bauch straff, das Publikum klatscht brav im Takt, und alle sind zufrieden. Nur: Jazz ist das nicht.
Jazz lebt von Freiheit, Brüchen, von Risiko. Und nicht davon, dass man zum fünften Mal die „Moldau“ mit Saxofon statt Geige ansetzt.

Ich sage es mal so:
Ich trinke meinen Wein aus einem edlen Glas.
Mein Bier aus einem Krug.
Aber Jazz? Jazz serviert man nicht aus einer Tuba.
Schon gar nicht lauwarm, in Blech gewickelt, und mit einem Etikett drauf, das klingt wie „Kulturprogramm für Anleger mit Hörgerät“.

Kultur ist nicht das, was klingt – sondern das, was nachhallt.
Und manchmal hallt eben nur der hohle Ton des Etikettenschwindels.

Kulisse statt Charakter – das geschminkte Gesicht der Täuschung

Wer lange nicht in Travemünde war, reibt sich heute nicht die Augen – sondern den Verstand.
Denn was im Hamburger Abendblatt einst euphorisch als „aufgehübschte, hanseatisch-dezent geschminkte Tochter Lübecks“ gefeiert wurde, entpuppt sich rückblickend als das, was es ist: Lug und Trug im Baukostüm. Eine Schönheits-OP mit fremdem Geld, durchgezogen von Akteuren der Bauzeit, denen es nie um Seele ging – nur um Sichtachsen.

Kurdirektor Uwe Kirchhoff sprach damals von „Gründlichkeit“ und davon, nicht auf kurzfristige Effekte zu setzen. Ein Jahrzehnt später ist klar: Er setzte auf Kulisse statt Kultur. Die vielbeschworene Zukunftsvision auf dem Priwall wurde zum Investorenspielplatz – mit Ferienhaussiedlungen, Hotels und Betonflair. Den Ort, den man da baute, wollte man nie verstehen – nur vermarkten.

Kirchhoff selbst wollte später Bürgermeister in Neustadt werden – die Wahl hat er verloren. Vielleicht, weil man dort schon ahnte, wie wenig Tragkraft in seinen Visionen steckt. Und während er einst vom „Kracher der Zukunft“ schwärmte, müssen heute Traditionshäuser wie der Fischtempel weichen – für noch eine Promenade, noch ein Sichtfeld, noch ein Symbol der Beliebigkeit.

Was hier passiert, ist kein Wandel. Es ist eine Umschminkung.
Ein Maskenball der Investoren, bei dem Travemünde am Ende als leere Hülle zurückbleibt – mit goldenen Geländern, aber ohne Geschichte.

Epilog in Moll

Was wäre, wenn man den Spieß einmal umdreht? Wenn man jene, die so laut nach Stille rufen, einlädt: Kommt doch ins Ehrenamt. Helft in den Museen, bei der freiwilligen Feuerwehr, in der Jugendarbeit. Macht mit, statt nur abzuschalten. Aber genau das geschieht nicht. Wer nur ein paar Wochen im Jahr hier ist, fühlt sich nicht zuständig. Verantwortung wäre ja störend – vor allem für die erholsame Ruhe.

Und dann ist da die Politik, schweigsam wie ein alter Badegast beim Nieselregen. Man will es sich nicht verscherzen mit denen, die kaufen, bauen, zahlen. Notare, Anwälte, Investoren – das Netzwerk ist engmaschig, diskret und gut situiert. Da wird lieber geschwiegen, wenn Kultur stirbt, solange die Kasse klingelt.

Corona hat es deutlich gemacht: Künstler durften untergehen, solange die Besitzer von Immobilien unter den Schutzschirm schlüpfen konnten. Was zählt, ist das Investment. Nicht die Menschen, die Orte gestalten, mit Klang, mit Chaos, mit Herz.

Ich schreibe das in einer Phase, in der mein eigener Kopf manchmal noch Lücken hat. Nach einer Krankheit, die mich sprachlos machte – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Aber was jetzt zurückkommt, ist das Gefühl für das, was zählt. Für Orte, die mehr sind als Rendite. Für Stimmen, die nicht stillgelegt werden dürfen.

Und wenn ein Marketingleiter aus Reit im Winkl glaubt, Travemünde sei eine Marke, dann zeigt das die ganze Tragik.
Travemünde ist kein Produkt. Es ist ein gelebter Raum.
Und dieser Raum wird enger. Nicht durch Touristen – sondern durch Kapital, das keinen Respekt kennt.

Vielleicht ist das die Tragik der heutigen Zeit:

Dass man Orte liebt – aber nicht leben will.
Dass man Kultur genießt – aber nicht trägt.
Dass man vom Flair zehrt – aber nicht fähig ist, es zu nähren.

Travemünde ist kein Instagram-Motiv.
Es ist ein Ort mit Vergangenheit, Gegenwart – und vielleicht Zukunft.

Aber nur, wenn wir wieder anfangen, ihn als solchen zu behandeln.
Nicht als Kulisse. Nicht als Investment.
Sondern als Heimat.

(1) Quelle: Hamburger Abendblatt, Artikel vom 26. Mai 2009:
„Lübecks Tochter macht sich schick für den Sommer“
https://www.abendblatt.de/reise/article107787196/Luebecks-Tochter-macht-sich-schick-fuer-den-Sommer.html

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