Home Gedanken Wer ist Winfried Stöcker – wirklich?

Wer ist Winfried Stöcker – wirklich?

by Carsten Bornhöft

Er galt einst als streitbarer Visionär mit Gespür für Innovation. Heute schreibt er Blogbeiträge, in denen zwischen politischen Grenzüberschreitungen Apfelstrudelrezepte auftauchen – als wolle er zwischen Zorn und Zucker Zäsuren setzen. Winfried Stöcker, einst gefeierter Wissenschaftler, driftet zusehends ab – politisch, publizistisch und womöglich persönlich. Eine kritische Betrachtung über den Wandel eines Mannes, der einst für Fortschritt stand – und nun Gefahr läuft, genau diesen nachhaltig zu behindern.

Es gab Zeiten, da stand der Name Winfried Stöcker für Tatendrang, Innovation und sogar die Hoffnung, dem Establishment den Wind aus den Segeln zu nehmen – ein Mann, dessen wissenschaftliche Unternehmungen Anerkennung fanden, dessen Visionen einst Funken entzündeten und dessen Ruf die Aura des Unbequemen, aber ehrbar Aufrechten umgab. Heute aber, in der bleichen Realität eines Deutschlands, das allzu oft die Ränder seiner demokratischen Mitte ausfransen sieht, ist von diesem Bild nur noch eine düstere Karikatur geblieben. Winfried Stöcker, der einst an den Rand des politischen Spektrums blickte, ohne in dessen Abgrund zu fallen, steht heute mit beiden Beinen tief im Morast einer Radikalisierung, deren bitterer Beigeschmack nicht einmal durch großzügige Spenden überdeckt werden kann.

Wer die jüngsten Veröffentlichungen und medialen Auftritte Stöckers verfolgt, erlebt, wie ein Mann, der früher medizinische Erfolge feierte und für eine eigenständige Impfstoff-Alternative gegen COVID-19 gelobt wurde, jetzt mühelos Hand in Hand mit Akteuren geht, deren erklärtes Ziel offensichtlich in der scharfen Kritik demokratischer Institutionen liegt. Auf Plattformen wie AUF1-TV, deren Homepage eine grelle Mischung aus Verschwörungstheorien und Spendenaufrufen bietet, wirft sich Stöcker mit sichtbarer Begeisterung in die Arme jener, die Demokratie auf eine Weise interpretieren, welche kritische Beobachter zumindest fragwürdig nennen müssen.

Die jüngsten Blogbeiträge auf Stöckers persönlicher Webseite zeigen deutlich, wie stark sich seine Positionen gewandelt haben: Er feiert offen Donald Trump und dessen Vizepräsidenten Vance, deren Politik in den Vereinigten Staaten massiv kritisiert wird, unter anderem wegen ihrer Haltung gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen. Gerade Trump, der wissenschaftlichen Konsens ignoriert oder gar bekämpft, hätte eigentlich für jemanden wie Stöcker, dem Innovation und Forschung stets wichtig waren, ein logisches Ausschlusskriterium sein müssen. Stattdessen stellt er sich hinter eine Politik, die genau jene wissenschaftliche Freiheit und Innovation gefährdet, die Stöcker einst auszeichneten.

Seine publizistische Bühne droht dadurch zur Echokammer zu werden, in der kritische Distanz und demokratischer Diskurs Gefahr laufen, unterzugehen. Stöcker scheint den Zuspruch jener Gruppen zu genießen, deren Umgang mit Fakten und demokratischen Werten bestenfalls irritierend, schlimmstenfalls destruktiv wirkt.

Besonders irritierend ist die Mischung aus ideologischer Zuspitzung und scheinbarer Biederkeit, die sich auf seinem Blog zeigt. Zwischen harschen Generalabrechnungen mit politischen Gegnern, fragwürdigen historischen Vergleichen und impliziten Rechtfertigungen für autoritäres Denken finden sich plötzlich – Rezepte. Ja, tatsächliche Kochrezepte. Als bräuchte der Furor des Weltverstehers gelegentlich eine Teepause, in der man den Apfelstrudel nicht vergisst. Diese abrupten Brüche im Tonfall wirken fast surreal – als wolle man zwischen zwei Brandreden zur Weltlage noch schnell ein Familienheft mit Basteltipps einlegen. Diese Form des inhaltlichen Flickenteppichs lässt weniger auf Vielseitigkeit schließen als auf einen inneren Widerspruch, der sich literarisch kaum auflösen lässt.

Hinzu kommen Kontroversen, die über den Blog hinausreichen. Recherchen beim NDR, im Spiegel und anderen seriösen Medien zeichnen das Bild eines Mannes, der – so wirkt es zunehmend – mit sich selbst und seinem Leben nicht mehr im Reinen ist. Ein Mann, der unermüdlich nach Einfluss und Aufmerksamkeit sucht, dabei aber Grenzen überschreitet, auch im politischen Raum. So wurde ihm bereits mehrfach vorgeworfen, sich im Wahlkampf unlauter zu verhalten – etwa durch direkte Einmischung in lokale Kandidaturen oder durch das Umgehen politischer Regularien mithilfe seines Vermögens. Besonders auffällig war ein Brief, den Stöcker gezielt an Bürger in Lübeck und sogar bis nach Ostholstein verschickte, versehen mit dem offiziellen Logo des Lübecker Flughafens – einer Einrichtung, die zwar ihm gehört, deren öffentliche Wahrnehmung jedoch nicht als politische Bühne gedacht ist. Dieser Versuch, die eigene politische Botschaft in die Seriosität einer Institution zu kleiden, stieß selbst bei seinem neuen Geschäftspartner am Flughafen auf deutliche Distanzierung: Sowohl der Flughafen als auch Ryanair betonten ausdrücklich, keinerlei politische Ziele zu verfolgen, sondern sich ausschließlich an wirtschaftlichen Interessen zu orientieren. All das vermittelt das Bild eines Getriebenen, der selbst im hohen Alter nicht bereit ist, innezuhalten oder loszulassen.

Wie es zu diesem bemerkenswerten Wandel kam, darüber lässt sich spekulieren – Enttäuschung, Selbstüberschätzung, ein diffuses Ringen um Anerkennung? Die Tatsachen aber sprechen eine klare Sprache: Ein einst respektierter Mann positioniert sich öffentlich so, dass seine Haltung von vielen kritisch hinterfragt werden muss.

Ein Lehrstück bleibt es dennoch, wenn auch ein düsteres: Winfried Stöcker wird zum Beispiel dafür, wie leicht man im Streben nach öffentlicher Anerkennung und vermeintlicher Wahrheit jene Werte aufs Spiel setzen kann, die letztlich auch das eigene Fundament bilden.

Es drängt sich die Frage auf, weshalb ein Mann mit erheblichen Ressourcen nicht darauf bedacht ist, nachhaltige, gesellschaftlich positive Akzente zu setzen – etwa durch Unterstützung von gutem Journalismus, Bildungsinitiativen oder soziale Projekte. Stattdessen riskiert er seinen guten Namen so nachhaltig, dass von ihm am Ende kaum mehr als ein Wikipedia-Eintrag übrig bleiben könnte, der zunehmend kritisch und skeptisch gelesen wird.

Dabei ist mir Stöcker nicht unbekannt. Persönlich hatte ich nur wenige Gelegenheiten, mit ihm zu sprechen, etwa bei der Eröffnung des Lübecker Flughafens. Auch als ehemaliges Mitglied der Grünen konnte ich miterleben, wie intensiv die Debatten über ihn geführt wurden. Damals unterstützte ich ihn noch, sah in ihm Potenzial und Innovationskraft. Heute jedoch bin ich, als Journalist, der Freiheit schätzt, sucht und verteidigt, ratlos darüber, warum ein Mann wie Stöcker sich stattdessen an politische Strömungen bindet, deren langfristige Ziele der Demokratie zumindest problematisch gegenüberstehen, einzig und allein für den flüchtigen Applaus einer Minderheit.

Fußnote:
Dies ist ausdrücklich die Meinung eines freien Journalisten, der – wie viele andere auch – im Gefälle der Zeit nach den Gründen und Zusammenhängen gesellschaftlicher Veränderungen sucht. Selbstverständlich ist es stets besser, im direkten Gespräch mit Herrn Stöcker dessen Perspektive einzuholen und seine Meinung zu diesen Themen zu respektieren und zu diskutieren. Ziel dieser Auseinandersetzung ist es nicht, zu verletzen, zu verneinen oder zu polarisieren, sondern vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit den Strömungen unserer Zeit zu ermöglichen. Dieser Beitrag versteht sich als Einladung zur offenen Diskussion – an Herrn Stöcker, an politische Parteien wie die Grünen, an Spendenempfänger, Beobachter und alle, die sich konstruktiv mit der Thematik befassen möchten.

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