Home meine Stadt Notizen aus dem Nirgendwo: Strandbahnhof Travemünde – Endstation?

Notizen aus dem Nirgendwo: Strandbahnhof Travemünde – Endstation?

by Carsten Bornhöft

Eine satirische Zustandseinordnung des Strandbahnhofs Travemünde, bei der das Pommes-Fett so unkontrolliert spritzt, dass Betreiber, Bahn, Stadtverwaltung und alle anderen zufällig und garantiert etwas davon abbekommen.

Der Strandbahnhof braucht kein Schild. Er ist der Strandbahnhof. Seit seiner Errichtung ist er das Tor zum Meer, ein architektonisches Versprechen in Backstein. Ein Ort, an dem Menschen nicht nur ankamen, sondern aufatmeten. Hier wurde geweint, gewinkt, geflirtet, geflucht. Wehmut, Freude, Zuversicht – das ganze Programm der menschlichen Bewegung. Ein Ort, der empfing, nicht verwaltete. Doch irgendwann, so scheint es, ist der Bahnhof selbst abgereist. Was blieb, ist ein trauriges Stillleben: Staub, der sich legt wie die Enttäuschung über all das, was hier einmal möglich war. Am Horizont: alte Sattelauflieger, vergessene Baumaschinen, Container. Es sieht wirklich erbärmlich aus am Gleis 2 – als hätte sich selbst der Fortschritt dafür entschieden, diesen Ort zu umfahren. Hier, wo einst Reisende mit Hoffnung aus dem Zug stiegen, türmt sich nun das Inventar einer achtlos gewordenen Welt. Was am ersten Gleis als Tor zur Welt gedacht war, wirkt am zweiten wie der Ausgang durch den Hinterhof der Geschichte.

Wer näher tritt, betritt nicht nur ein Gleis, sondern eine bizarre Parallelwelt. Denn ja, ein funktionierendes Gleis gibt es noch – die Bahn fährt – als einziger Akteur in diesem Gelände, der noch einen funktionierenden Plan verfolgt. Aber gegenüber, auf dem anderen Gleis, liegt die wahre Szenerie dieses Dramas: eine Welt, in der Kartons wichtiger sind als Fahrpläne, und in der der Bahnhof selbst zum Nebendarsteller degradiert wurde. Hier herrscht kein Fahrplan, sondern das Chaos. Ein geordnetes Durcheinander wäre noch schmeichelhaft formuliert. Willkommen in einem Denkmal, das so viele Menschen wie Ideen beherbergt – und leider auch so viel Müll. Wobei: Ausreichend Müll und alter Kaffeesatz in Eimern könnten ja durchaus einmal als Basis für ein Kunstprojekt dienen. Irgendwann wird jemand kommen, das Ganze als abstrakte Installation begreifen – und Eintritt nehmen. Travemünde, Biennale der Bedeutungslosigkeit inklusive – eine Ausstellung, in der Müll zum Material, Kaffeesatz zum Konzept und die Bahnhofsatmosphäre zur Kulisse einer Gesellschaft wird, die ihren Ort so weit gentrifiziert hat, dass er für gepflegte Rentner ein Zuhause ist – und für viele andere einfach kein Zugang mehr besteht.

Zentraler Akteur: Ralph Kaerger, ein Mann mit Visionen. Und einer Ansammlung von Dingen, die man im Leben vielleicht braucht – oder zumindest mal gebraucht haben könnte. Sie kommen, sie bleiben, sie stapeln sich. So lange, bis man kaum noch treten kann. In einer Bahnhofshalle, in der kein Leben mehr ist, einer architektonischen Schönheit im Dornröschenschlaf, wurde ein unschätzbarer Wert in eine unaufgeräumte Lagerhalle verwandelt. Stuck und Rundbögen, die einst Eleganz atmeten, dienen heute als Kulisse für Regale, Kisten und stapelweise Alltagsreste. Sogar der Kaffeesatz des ausgegebenen Kaffees wird in Eimern aufbewahrt, als sei auch der noch irgendwie wichtig für die Gesamterlösung. In einem Bahnhof, der das Zeug zur Kathedrale des Reisens gehabt hätte, wird heute gesammelt statt bewegt. Eine stille Tragödie mit immer neuen Akten.

Und als wäre das noch nicht genug, betreibt Kaerger auch einen Fahrradverleih. Die Ausleihe eines Rads ist dabei keine schlichte Übergabe, sondern ein ritualisierter Verwaltungsakt mit Showeinlage. Gut und gern zwanzig Minuten dauert es, bis ein Kunde endlich auf zwei Rädern den Bahnhof verlassen darf. Vorher dreht Kaerger seine Versuchskreise über den Vorplatz, als wolle er dem skeptischen Publikum beweisen, dass das Gefährt tatsächlich fahrtüchtig ist. Es folgt die Kopie des Personalausweises, das Abspeichern der Bilder – ganz wie bei den Gegenständen, die er sonst hortet – und eine ausführliche Erklärung und Belehrung, persönlich vorgetragen in der Tonlage eines Oberlehrer Hempel aus Max und Moritz, über die Kunst des Radfahrens. Selbst die Sattelposition wird zum Thema, auf den Millimeter genau eingestellt, als hänge das Wohl des gesamten Bahnhofs davon ab – ein empfindliches Gleichgewicht, das schon dadurch gestört werden könnte, dass der Verleiher womöglich eines Tages in die Pflicht genommen wird, gesundheitliche Schäden ausgleichen zu müssen. Man möchte fast meinen, er versuche mit seinem pedantischen Vorgehen bereits im Vorfeld alle künftigen Klagen, Rückenschmerzen und Traumata auszuschließen – sicher ist sicher, man weiß ja nie, was ein Sattel so anrichten kann. Viele Kunden bemängeln den Zirkus, aber auch das scheint Kaerger nicht zu stören. Ordnung, wo das Chaos regiert – eine paradoxe Leidenschaft. Nicht weit entfernt sitzt der Besitzer von „Gleis 8“ inmitten seines Klientels. Eckiges Gesicht, Zigarre, große Klappe. Betreiber eines Imbisswagens auf dem Vorplatz, der sich benimmt, als hätte er das Hausrecht über den gesamten Bahnhofskomplex – und das Monopol auf geschmackliche Entgleisung gleich mitgepachtet. Der Wagen öffnet nur, wenn er Lust hat, das Essen schmeckt selten, die Pommes liegen wie Kaugummi im Magen. Dafür sitzen seine Stammgäste täglich in asozialer Trägheit auf ihren Plätzen, rauchen, fluchen und verkleben die Luft mit dem Geruch abgestandener Perspektivlosigkeit. Der Besitzer verweilt derweil zwischen seinen asozialen Freunden, als wäre der Vorplatz seine VIP-Lounge, und lauert darauf, dass sich jemand ein Essen bestellt. Er gab an, bereits einen Vertrag mit dem Zwangsverwalter zu haben. Kaerger hingegen behauptet, ihm längst gekündigt zu haben – lässt ihn aber weiter gewähren, als sei Selbstwiderspruch ein tragender Pfeiler seiner Bahnhofspolitik. Wer so handelt, braucht keine Gegner mehr, um unglaubwürdig zu wirken. Eine Entwicklung hin zu echter Klarheit – mit nachvollziehbaren Regeln und konsequentem Handeln – scheint in weiter Ferne. Statt Fortschritt erleben wir hier die Kunst, Unentschlossenheit zur Methode zu machen.

Draußen vor den Eingangstüren steht eine alte Dame, nennen wir sie Frau S. Sie verkauft dort Krimskrams, wie man ihn von Flohmärkten kennt. Ihre Ecke sieht aus wie ein vergessener Dachboden. Und doch ist sie die Einzige, die einen Sinn darin findet: Menschen kommen, bleiben stehen, reden. Statt Verkauf scheint es vielmehr, als kämen täglich neue Dinge hinzu – von Menschen, die ihren Trödel bei ihr abladen. Und Frau S. sammelt sie, genau wie Kaerger, als ließe sich mit dem Festhalten an Gegenständen irgendein Lebensproblem besser bewältigen. Frau S. hat auf ihre Weise einen Weg gefunden, mit Ramsch gegen Einsamkeit zu kämpfen. Man könnte meinen, das Sozialamt habe diesen Ort in einen real gewordenen Wartebereich der Einsamkeit umgewidmet – ohne Schild, aber mit Genehmigung. Eine stille Abgabe von Würde, verwandelt in Traurigkeit – als wäre der letzte Rest Selbstachtung gegen das Privileg eingetauscht worden, hier stehen zu dürfen. Frau S. erhält Anerkennung, wenn auch nur durch den Messie Kaerger, der sie duldet wie einen weiteren Haufen, der sich gut ins Gesamtbild fügt. In dieser Ordnung des Ungeordneten wird selbst die Tragik noch katalogisiert. Ein Hauch von Würde? Eher ein Echo davon, überdeckt vom Klang klappernder Kisten und vergessener Gespräche.

Die Stadtverwaltung? Die war mal da. Zumindest ideell. Was folgte, war ein Schauspiel der leisen Abwesenheit, das durch höfliche Protokolle und behördliche Verlegenheitsrhetorik verschleiert wurde. Einst residierte das Marketingbüro der Stadt, die LTM, gemeinsam mit dem Zimmer-Incoming-Service am Bahnhof. Man hatte Ambitionen, man zeigte Präsenz – immerhin. Dann zog man sich zurück, ohne großen Knall, eher wie jemand, der die Tür nicht schließt, sondern langsam offenstehen lässt, damit niemand merkt, dass er längst gegangen ist.

Schon damals, unter Bürgermeister Bernd Saxe, hätte die Stadt das Gespräch suchen müssen – nicht mit Rhetorik, sondern mit Haltung. Stattdessen überließ man den Bahnhof sich selbst. Heute hackt man auf Ralph Kaerger herum, als wäre er der Auslöser allen Elends, dabei ist er nur das sichtbar gewordene Symptom einer politischen Bequemlichkeitskrankheit, die sich über Jahre ausgebreitet hat.

Lukas, einst Leiter der LTM, ein Mann mit Visionen für Hafencafés und urbanes Willkommensmanagement, erkannte dabei nicht den banalen Umstand: Menschen kommen – und viele kommen am Bahnhof an. Menschen mit Koffern, mit Erwartungen, mit Schüsseln zur Schlüsselübergabe. Doch weil der Ort nicht ins Hipster-Konzept passte, wurde er ignoriert.

Heute wird der Bahnhof nur noch als Bühne für Skandalisierung genutzt. Öffentliche Verantwortung? Fehlanzeige. Stattdessen betreibt man politisches Figurenschach mit einem Mann, der aus dem Restpostenlager der Zuständigkeit das Beste zu machen versucht – allerdings in einer so eigenwilligen Art, dass sie niemand versteht und kaum jemand nachvollziehen kann. Probleme sind da nicht nur programmiert, sie werden täglich neu ins System geschrieben. Denn die Auseinandersetzung zwischen dem, was Kaerger wollte, und dem, was gesetzlich überhaupt möglich wäre, erinnert an einen Piloten mit großen Plänen, der auf der Taxi-Holding-Position seiner Startbahn steht, aber nie die Freigabe vom Tower erhält. Kaerger sitzt im Cockpit eines gedanklichen Großraumfliegers, der nicht abheben darf, weil die Stadtverwaltung im Tower entweder nicht zuhört, nicht antwortet – oder auf einer ganz anderen Frequenz funkt. Die Folge: Nichts startet, nichts landet, und zwischen Funkloch und Kontrollverlust wächst die Schuldfrage wie Unkraut auf dem Rollfeld. Die Kommunikation? Unter die Räder gekommen. Was bleibt, ist ein Minenfeld aus Missverständnissen und die gepflegte Kunst, den schwarzen Peter zu jonglieren, ohne ihn jemals loszuwerden.

Auch der heimliche Bürgermeister Travemündes, Kirchhoff, bleibt stumm – vielleicht, weil es bequemer ist, den Verfall zu dulden, solange er nicht lärmt. Kein Statement, keine Idee, kein Versuch, diesen Ort mit dem Respekt zu behandeln, den er verdient. Das gilt nicht nur für ihn: In Travemünde gibt es viele, die sich politisch gern als Messias inszenieren – mit großen Worten, blumigen Visionen und vollmundigen Versprechen. Doch aus all dem wird oft nur warme Luft, die spätestens im ersten ernstzunehmenden Winter vom Ostseewind verweht wird. Eine historische Fleckerde voller Nostalgie, durch die die Zeit marschiert ist, ohne ein Angebot zu hinterlassen. Stattdessen: Patina, Perspektivlosigkeit und das leise Verrotten einer möglichen Zukunft. Ein architektonisches Fossil, das mehr Denkmalschutz als Denkvermögen genießt. Was anfangs wie ein ambitioniertes Vorhaben klang – Rettung durch Privatinitiative, Kultur statt Leerstand – endete in einem Flickenteppich aus Missverständnissen, blockierten Entscheidungen und zerstörten Konzepten. Man wollte, man konnte nicht, man ließ es dann eben laufen. Oder liegen.

Kaerger, der Mann mit den Thesen, hat sich längst eingerichtet – zwischen Rechthaberei und Resignation, in einem Kosmos, den er mit Worten ordnet, weil er ihn mit Händen nicht mehr fassen kann. Nur bewegt sich nichts. Vielleicht ist das seine Strategie: Dauerstillstand als Taktik. Wer sich nicht rührt, kann auch nicht stürzen.

Draußen rostet das Geländer. Drinnen rosten die Hoffnungen. Zwischen Sperrmüll, Schraubenkisten und platonischen Absichten steht der Bahnhof wie ein Mahnmal des Nicht-Könnens. Er ist das perfekte Sinnbild für eine Gesellschaft, die das Alte nicht loslassen und das Neue nicht gestalten kann. Gestaltung – das wäre die Kunst, aus Potenzial Wirklichkeit zu machen. Doch dazu bräuchte es einen Bürgermeister, der willens ist oder wenigstens in der Lage, zu erfassen, was dieser Ort für Travemünde bedeutet. Ohne die Fähigkeit, eine Vision zu entwickeln, die sowohl Kaerger als auch die Interessen der Stadt versöhnt, bleibt nur eine Verwaltung im Blindflug. Was fehlt, ist nicht Geld, sondern der Wille zur Klarheit – und die Fähigkeit, Verantwortung nicht mit Vermeidung zu verwechseln. Inkompetenz, Bequemlichkeit oder das “Hauptsache mir geht’s gut”-Prinzip: Die Ursachen sind vielfältig, das Ergebnis immer gleich.

Die “Notizen aus dem Nirgendwo” sind also schnell geschrieben: ein Imbiss, der keine Freude macht. Ein Verwalter, der nicht verwaltet. Eine Stadt, die lieber wegschaut. Und mittendrin Menschen, die sich irgendwie eingerichtet haben in diesem absurden Stillstand.

Travemünde hat viele schöne Seiten. Der Strandbahnhof gehört nicht dazu. Noch nicht. Vielleicht irgendwann. Wenn jemand kommt, der mehr aufräumt als nur das Gerümpel – und versteht, dass Service nicht bei der Kaffeemaschine endet. Denn wer heute am Bahnhof ankommt, findet keinen Ansprechpartner, kein städtisches Angebot, kein funktionierendes Zusammenspiel. Fundsachen verschwinden irgendwo zwischen den Zuständigkeiten, Fahrpläne ändern sich wie die Launen der Bürokratie, und wer seinen Schlüssel in der Bahn liegen lässt, darf hoffen, dass das Fundbüro in Hamburg antwortet. Genial, wie sich die Bahn hier elegant aus der Verantwortung zieht. Und ebenso bezeichnend, dass die Stadt diese Lücke nicht schließt. Es braucht mehr als Aufräumen: Es braucht das Zusammenspiel aller – Bahn, Verwaltung, Betreiber – und die Einsicht, dass ein Bahnhof mehr ist als ein Gebäude. Er ist ein Versprechen an die Reisenden. Und das wird hier jeden Tag gebrochen.

Aber bis dahin stapeln sich weiter die Pakete; Müll und Kaffeesatz in Eimern, als hätte jemand beschlossen, dem Begriff “Verwahrung” eine ganz neue Bedeutung zu geben. Und mit ihnen die Ausreden, die Schuldverschiebungen, die Reste vergangener Ambitionen. Die Bahnhofsuhr tickt ungerührt weiter, auch wenn niemand mehr wirklich ankommt. Vielleicht ist das die größte Ironie: Ein Ort, gebaut für Bewegung, wird von jenen verwaltet, die den Leerlauf kultiviert haben wie ein Ritual. Travemünde verdient besseres – aber es scheint, als wolle es das gar nicht. Und so bleibt der Strandbahnhof, was er heute ist: ein Denkmal der Müdigkeit. Ein Ort, an dem selbst der Mief noch eine Geschichte bekommen wird – vielleicht in einer Sonderausgabe der städtischen Selbstverklärung, illustriert mit Kaffeesatz und Sperrmüll. Nur das Happy End – das hat sich vertan, stand auf dem falschen Gleis, und fährt jetzt als Geisterzug im Kreis. Und keiner winkt ihm mehr hinterher – weder die Verantwortlichen noch die Öffentlichkeit, zu beschäftigt mit dem nächsten Aufreger, zu satt, zu sicher, zu gleichgültig. Willkommen im Zeitalter der chronisch weggeschauten Gelegenheiten.

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