die du jemals gegessen haben wirst, wurde dir überreicht von Ulrich Siegmund, dem AfD-Politiker, der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt werden will…
… auf Veranstaltungen der AfD, auf Marktplätzen, bei Wahlkundgebungen und bei Simson-Treffen gab sich Ulrich Siegmund sehr volksnah. Autogramme und der direkte Kontakt mit den Besuchern gehörten dazu. Dabei entstand ein Bild, das einer kommenden politischen Wirklichkeit möglicherweise nicht entsprechen wird.
Diese Form des Wahlkampfs mit Simson-Treffen, Autogrammen und direktem Kontakt erzeugte Nähe. Dadurch entsteht in Teilen der Gesellschaft ein Trugbild. Die demonstrierte Volksnähe wird schnell mit politischer Nähe zu den eigenen Interessen verwechselt. Volksnähe auf dem Marktplatz ist noch lange keine Garantie dafür, dass auch später Politik im Interesse derjenigen gemacht wird, die heute Bratwurst essen, Hände schütteln und Selfies machen.
Wahlerfolg
Der Wahlkampf der AfD folgte genau diesem Muster. Bratwurst, Marktplatz, Simson-Treffen, Nähe und Gemeinschaft. Es entstand das Bild, wieder Teil von etwas zu sein, gesehen zu werden und dazuzugehören.
Ich sehe, dass diese Art der Inszenierung von Gemeinschaft wesentlich zum Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt beigetragen hat.
Und irgendwann bleibt ein Satz hängen.
Wir wollen unser Land zurück.
Wir sind das Volk
Ostdeutschland trägt eine politische Erinnerung in sich, die es in dieser Form im Westen nicht gibt. 1989 gingen Hunderttausende auf die Straße und riefen „Wir sind das Volk“. Sie erlebten, dass gemeinsamer Protest tatsächlich ein politisches System verändern kann. Für diejenigen, die damals dabei waren, ist das persönliche Erinnerung. Für spätere Generationen ist es Teil der Familiengeschichte und der politischen Kultur.
„Wir holen uns unser Land zurück“ bedeutet historisch und politisch etwas anderes als „Wir sind das Volk“. Und dennoch erkenne ich darin einen ähnlichen emotionalen Mechanismus. Wieder gibt es ein starkes Wir. Wieder das Gefühl, die da oben hätten uns etwas weggenommen. Und wieder das Versprechen, dass eine gemeinsame Bewegung die Verhältnisse grundlegend verändern kann.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Wirkung dieses Satzes in Sachsen-Anhalt. Er verspricht nicht lediglich eine andere Regierung. Er vermittelt das Gefühl politischer Selbstermächtigung. Wir sind viele. Wir können etwas verändern. Wir holen uns zurück, was angeblich verloren gegangen ist.
Aber gerade deshalb lohnt sich die entscheidende Frage. Was genau soll zurückgeholt werden und was soll danach anders sein?
Zurück wohin?
Genau da beginnt für mich die eigentliche Frage. Welches Land soll zurückgeholt werden?
Wir leben in einem Land, in dem Menschen ihre Regierung wählen, Parteien gründen, demonstrieren, Zeitungen herausgeben, Regierungen kritisieren und Politiker wählen können, die dieses politische System verändern wollen.
Welche Freiheit fehlt also noch?
Welches Deutschland soll zurückkommen?
Geht es um ein Land, in dem sich Menschen wieder stärker zugehörig fühlen? Darüber könnte man reden. Geht es um gesellschaftlichen Zusammenhalt, um Sicherheit, um Verlässlichkeit und darum, dass Menschen sich von der Politik wieder ernst genommen fühlen? Auch darüber kann man reden.
In ihrem neuesten Song „Was ist mit uns los“ haben die Toten Hosen genau diese Problematik aufgegriffen. Und wie ich finde, sollten sich nicht nur Hosen-Fans diesen Song anhören. Er könnte fast zur Nationalhymne reichen.
Worüber wir nicht reden sollten, als wären es erstrebenswerte Vergangenheiten, sind Stasi-Überwachung, die Baseballschlägerjahre der frühen Neunziger und eine Gesellschaft, in der Ausländerfeindlichkeit in offene Gewalt umschlug und uns Bilder des brennenden Rostock-Lichtenhagen zugemutet hat.
Und schon gar nicht sollte irgendeine Sehnsucht nach der nationalsozialistischen Diktatur und ihrer Führerdoktrin Bestandteil eines politischen Zurück sein.
Darüber können und darüber sollten wir reden, wenn wir Geschichte erklären. Aber wir sollten diese Zeiten dort lassen, wo sie hingehören. In den Geschichtsbüchern.
Denn wer sein Land zurückhaben will, behauptet schließlich auch, dass es ihm irgendwann genommen worden sein muss.
Von wem eigentlich?
Die Bratwurst ist nicht das Problem
Eine Bratwurst ist zunächst eine Bratwurst. Sie liegt auf dem Grill, wird gegessen und ist kurze Zeit später Geschichte.
Politisch interessant wird sie erst dann, wenn sie Teil einer Inszenierung wird. Wenn ein Politiker nicht nur eine Wurst überreicht, sondern gleichzeitig Gemeinschaft vermittelt. Nähe. Zugehörigkeit. Das Gefühl, endlich wieder auf der richtigen Seite zu stehen.
Menschen wollen dazugehören. Das ist weder ungewöhnlich noch verwerflich.
Problematisch wird es, wenn aus diesem Gefühl ein politischer Blankoscheck wird.
Wenn aus der sympathischen Begegnung auf dem Marktplatz Vertrauen entsteht, das irgendwann nicht mehr hinterfragt wird. Wenn aus dem Mann am Grill der Mann mit politischer Macht wird und plötzlich nicht mehr gefragt wird, ob das, was danach geschieht, überhaupt noch mit dem übereinstimmt, was vorher versprochen wurde.
Was bleibt vom Versprechen?
Mich interessiert deshalb weniger, wie volksnah ein Politiker vor einer Wahl wirkt. Mich interessiert, wie viel von dieser Volksnähe übrig bleibt, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.
Dann gibt es keine Bratwurst mehr.
Dann gibt es Gesetze, Mehrheiten, Verwaltung, Macht und Menschen, die von politischen Entscheidungen unmittelbar betroffen sind.
Wenn jemand ruft, er wolle sein Land zurück, möchte ich deshalb wissen, welches Land er meint.
Nicht ungefähr.
Nicht zwischen Grill und Selfie.
Sondern ganz konkret.
Die teuerste Bratwurst
Vielleicht schmeckte sie hervorragend. Vielleicht war sie sogar kostenlos.
Aber kostenlos und billig sind zwei verschiedene Dinge.
Der Preis einer politischen Bratwurst steht nicht auf einem Schild am Grill. Er zeigt sich möglicherweise erst später. Dann, wenn aus Wahlkampf politische Macht wird, aus Parolen Entscheidungen werden und aus dem Versprechen von Gemeinschaft die Frage entsteht, wer zu dieser Gemeinschaft eigentlich noch gehören soll.
Darum ist die teuerste Bratwurst nicht zwangsläufig diejenige, für die man am meisten bezahlt hat.
Es könnte diejenige sein, bei der man erst hinterher erfährt, was sie gekostet hat. Was sie verändert hat. Was sie bewirken wird.
Und vielleicht sollten wir alle, egal ob rechts, links, Mitte, braun, grün, rot oder gelb, wieder damit beginnen, aufeinander zuzugehen, dem anderen zuzuhören und seine Meinung schlussendlich zu akzeptieren.
Vielleicht beginnt das Ganze ganz banal beim Grillen. Am Zaun. Mit der Frage an den Nachbarn
Hey, willst du auch eine Bratwurst? Möchtest du mit uns essen?
Leben wir wieder Gemeinschaft. Hören wir auf zu rasen, jede Lücke auf der Autobahn zu nutzen, als gäbe es keinen Morgen mehr. Hören wir auf, nur noch in gesellschaftlichen Blöcken zu denken.
Der eine ist grün, der andere links, der nächste konservativ und ein anderer steht politisch weit rechts. Aber warum stehen wir nicht gemeinsam auf einem Marktplatz und diskutieren darüber, wie wir unsere Welt besser machen können?
Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Kinder in der Schule wieder geschlagen werden dürfen. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem einer Frau vorgeschrieben wird, welchen Beruf sie ausüben darf oder welchen Lebensweg sie einzuschlagen hat. Und ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Politik darüber bestimmt, ob eine Frau ein Kind bekommt, ein Kind zur Welt bringt, adoptiert oder sich anders entscheidet. Der Körper einer Frau gehört der Frau.
Auch das gehört für mich zu Freiheit. Und gerade an solchen Punkten zeigt sich, wie ernst wir es mit dieser Freiheit tatsächlich meinen.
Nicht darüber, wie wir unsere Welt verschlechtern. Nicht darüber, wie wir neue Zwänge aufbauen. Nicht darüber, wer wegmuss.
Reden wir darüber, wie wir miteinander leben wollen. In einem der freiheitlichsten Länder dieser Welt. Und vielleicht beginnt genau das wieder mit einer Bratwurst am Zaun.
Für Ausländerfeindlichkeit fehlt in meinem Sicherungskasten schlicht die Sicherung. Diese Denke existiert für mich nicht. Für viele andere Menschen übrigens genauso wenig.
Aber diejenigen, die sich von Abgrenzung, Ausgrenzung und dem Gefühl eines vermeintlichen Zurückholens berauschen lassen, sollten sich fragen, was danach kommt. Auch diesen Rausch erkauft ihr euch. Vielleicht mit einer Traurigkeit darüber, was verloren gegangen ist. Mit Nachbarn, denen man nicht mehr in die Augen schaut. Mit einer Gesellschaft, die einander misstraut, obwohl sie gestern noch gemeinsam am Grill gestanden hat.
Und bevor ihr euch dieser Euphorie hingebt, schaut nüchtern hin. In Pflegeheime, Krankenhäuser, Betriebe und überall dorthin, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft längst gemeinsam dafür sorgen, dass dieses Land funktioniert. Wer Menschen vertreibt, verliert nicht irgendeine abstrakte Gruppe. Er verliert Kollegen, Pfleger, Ärzte, Handwerker, Nachbarn und Freunde.
Vielleicht beginnt Vernunft genau dort. Nicht beim Rausch. Sondern bei der Frage, was danach noch übrig ist.